Selen

von Dagmar Werner

Was ist Selen und wozu brauchen wir es?

Selen gehört zu der Gruppe der essentiellen Spurenelemente. Das heißt, dass es für den Menschen lebensnotwendig ist, allerdings sehr geringe Mengen schon genügen. Es kommt im menschlichen Körper in Form der Aminosäuren Selenomethionin und Selenocystein vor, und der Gesamtanteil liegt bei ca. 13-20mg. [1,2] Die Schilddrüse hat den höchsten Seelengehalt mit 600–1240 ng Selen pro Gramm Gewebe im Körper. [3]

Selen spielt eine wichtige Rolle für:

  • ein gut funktionierendes Immunsystem
  • die Spermienbildung
  • die Hormonherstellung durch die Schilddrüse
  • die Krebsprävention (chemopräventive Eigenschaften)
  • die Fähigkeit Schwermetalle zu binden. [4,5]

Selen ist ein Baustein vieler Proteine im Körper und wird für deren korrektes Funktionieren benötigt. Zu den wichtigsten so genannten “Selenoproteinen” gehören die Gluthathionperoxidasen (GPX) und die Thioredoxinreduktasen (TRX), die unsere Zellen vor freien Radikalen und dem daraus resultierenden oxidativen Stress schützen; sie sind Antioxidanten. Zu den Selen-abhängigen Enzymen zählen aber auch die für die Schilddrüse so wichtigen DIOs. [1,4,6]

Wieso ist Selen so wichtig für mich als Hashimoto-Thyreoditis Patient*in?

Den folgenden Absatz werdet ihr in allen Teilen der Mirkonährstoffserie wiederfinden.

Das Immunsystem von Hashimoto Patienten ist in einem, nennen wir es “Dauerkrieg” gegen den eigenen Organismus. Das belastet unser ganzes System, daher ist es ganz besonders wichtig unseren Körper zu unterstützen. Es ist hierbei nicht nur auf die korrekte Einstellung der Hormonpräparate zu achten, sondern auch möglichen Mangelerscheinungen einfach vorzubeugen bzw. bereits entstandene Mängel wieder auszubalancieren. Hormonpräparate dienen der Symptombehandlung, allerdings nicht der Ursachenbekämpfung.

Selen ist besonders wichtig für Hashimoto Patienten weil:

  • Während der Produktion von Hormonen freie Radikale in der Schilddrüse entstehen, die die Zellen schädigen. Bei Hashimoto Patienten ist es einfach besonders wichtig, diesen zusätzlichen Stress zu eliminieren [7] —> freie Radikale werden eliminiert durch: GPX und TRXAktivität.
  • Die Umwandlung von T4 zu T3 von der Enzymaktivitätder Selen-abhängigen DIO reguliert wird und diese (wie oben bereits erwähnt) Selen-abhängig ist.
    Also: ohne Selen kein T3!
    —> ein Selenmangel kann daher eine Schilddrüsenunterfunktion fördern!

Wieviel Selen braucht mein Körper eigentlich?

Die täglich benötigte Tagesdosis an Selen ist noch umstritten. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) unterscheidet je nach Lebensalter und -phase sowie Geschlecht. Die Tabelle dazu gibt es hier (Version 2015):

Die tatsächliche Zufuhr in Deutschland liegt bei durchschnittlich ca. 40μg/Tag. Wenn wir uns die empfohlene Tagesdosis für einen erwachsenen Menschen ansehen, stellen wir schnell fest, dass wir diese einfach nicht abdecken. In Europa liegt die Obergrenze der Selenaufnahme für Erwachsene bei 300 μg pro Tag. [8] Der obere sichere Bereich bei längerer Einnahme wird mit 350μg/Tag angegeben. Vorsicht ist allerdings geboten, da hohe Mengen an Selen giftig sind!

Ab 800μg/Tag beginnt bereits eine chronische Selenvergiftung. [2]

Da haben wir also, das berühmte Sprichwort: “Die Menge macht das Gift”. Und bei Selen ist dies eine Gratwanderung. Wir brauchen es, aber wir können es auch schnell übertreiben!

Wie komme ich zu meinem täglichen Bedarf an Selen?

Selen wird von Pflanzen aus dem Boden in Form von anorganischem Selenat aufgenommen und anschließend in die für den Menschen zugängliche Form Selenomethionin und Selenocystein umgewandelt. [4] Durch den Verzehr von Pflanzen werden Menschen sowie Tiere mit Selen versorgt. Allerdings gehört Deutschland und auch Österreich zu den Selen-Mangel-Gebieten und es lässt dich eine zunehmende Reduktion des Selengehalts der Böden beobachten. Daher wird mittlerweile häufig Selen in Düngemitteln verwendet und auch das Nutztierfutter damit angereichert. [2, 9,10]

Zu den selenhaltigsten Lebensmitteln zählen primär tierische Produkte wie Fleisch, Fisch, Eier, Käse, Milch aber auch Pilze, Getreide und Hülsenfrüchte. [11] Vegan lebende Menschen sollten daher besonders auf eine ausreichende Zufuhr von Selen achten. Eine hervorragende pflanzliche Selenquelle stellt hier die Paranuss dar. [12] Deren Selengehalt hat eine ziemlich weite Spanne: von 8 μg bis 83 μg Selen pro Gramm Paranuss, je nach Anbaugebiet (große Unterschiede zwischen Zentral- und Westbrasilien). [9,11,13] Das Landwirtschaftsministerium der Vereinigten Staaten (USDA) gibt den mittleren Gehalt an Selen in der Paranuss mit 1oz Paranuss 544μg Selen (=19,2μg Selen pro Gramm Paranuss) an. [14] Die Bioverfügbarkeit (Aufnahme und Verarbeitung im Körper) dieses natürlichen Selens ist besonders hoch. [15] Vom genannten Mittelwert ausgehend ist daher schon eine einzige Paranuss (ca. 3g/Nuss) am Tag ausreichend um unseren täglichen Bedarf zu decken*. [16]

*Anmerkung Gastbloggerin:

Hatte ich erwähnt, dass zu viel Selen giftig ist? Hm, hatte ich auch erwähnt, dass ich erst letzte Woche genüsslich eine halbe Packung (100g!) Paranüsse beim Fernsehen verputzt habe? Naja wie das mit Nüssen und Chips so ist, kann man einmal angefangen einfach nicht mehr damit aufhören! Ich bin also im Nachhinein froh mich nach einer halben Packung gezügelt zu haben! Ihr könnt euch vermutlich auch vorstellen wie geschockt ich war als ich meine Recherchearbeit über Selen begonnen hatte und feststellen durfte, dass ich ganze 1920μg Selen zu mir genommen habe! Und das ist jetzt wieder nur mit dem Mittelwert berechnet!  Ich habe mich dann auch ziemlich gewundert, dass da keine Nährstoffinformationen auf meiner Verpackung drauf stehen!? In den USA würde sowas in einer Flut von Klagen enden 😉  Aber Spaß beiseite! Also was lernen wir daraus: Eine einmalig erhöhte Dosis von Selen ist nicht das Problem, es sollte aber einfach nicht über einen längeren Zeitraum zu hoch dosiert konsumiert werden. Kommen wir zurück zum Wesentlichen:

Sollte man Nussallergiker sein und noch nie oder nur einmal Paranüsse probiert haben, ist hier Vorsicht geboten, da es mögliche Kreuzreaktionen mit anderen Nüssen geben kann (v.a. Haselnuss, Cashew, Mandel, Pistazie) [17,18]. Vegane Paranussallergiker sollten daher auf Getreideprodukte, Hülsenfrüchte und Samen ausweichen. Viele Hashimoto Patienten verzichten auf glutenhaltige Nahrungsmittel (darunter fallen sehr viele Getreidesorten), wenn sie dann auch noch vegan und im schlimmsten Fall Paranussallergiker sind (jetzt haben wir hier aber wirklich fast alle Ernährungsrestriktionen bzw -vorlieben abgedeckt *zwinker*), bleibt eigentlich nur eine Supplementierung um den Tagesbedarf zu decken. Hier gilt: sprecht euch bitte vorher mit eurem Arzt ab und wählt anschließend ein hochwertiges Präparat!
—> Stichwort: Bioverfügbarkeit

Eine weitere Studie hat sich den Mikronährstoffanteil von diversen Lebensmitteln in Westafrika angesehen und den Selengehalt der Kokosnuss mit 8,1μg Selen pro Gramm Kokosnussfleisch angegeben. [19] Darauf aufbauend hat eine afrikanische Studie sich die Korrelation zwischen Selenmangel und dem Kokosnusskonsum in Afrika angeschaut. Diese hat festgestellt, dass in den Regionen mit erhöhtem Kokosnusskonsum die Selenversorgung der Bevölkerung deutlich besser war, als in jenen Regionen mit einem geringeren Kokosnusskonsum. [20] Ergo: Leute esst mehr Kokosnüsse!!

Selen, Hashimoto und der aktuelle Wissensstand

Es gibt einige Studien die belegt haben wollen, dass eine erhöhte Zugabe von Selen bei Levothyroxin (T4) behandelten Hashimoto Patienten zu einer Reduktion der TPOAK geführt haben soll, und somit zu einer Verbesserung des Krankheitsverlaufs. [21,22] So vielversprechend das im ersten Moment auch klingen mag, erläutert eine im Februar 2017 publizierte Metastudie (Statistische Analyse mehrerer publizierten Studien), dass das doch nicht ganz so stimmt. Sie zeigt auf, dass die klinische Wirksamkeit von einer über der ratsamen Tagesdosis liegenden Selenzugabe für Hashimoto Patienten aufgrund mangelnder Studiendokumentationen nicht bewiesen werden konnte. Daher ist eine Supplementierug mit höheren Mengen an Selen für Hashimoto Patienten bis auf Weiteres nicht empfehlenswert. [23] Gleichzeitig habe ich herausfinden können, dass in Griechenland aktuell eine Studie bis März 2017 läuft, in der Kindern und Jugendlichen bis 18 Jahre eine tägliche Dosis von 200μg des natürlich vorkommenden L-Selenomethionin über einen Zeitraum von 12 Monaten verabreicht wird. [24] Bis die Ergebnisse ausgewertet und veröffentlich werden, kann es aber durchaus noch eine Weile dauern. Für all diejenigen, die diese Studie im Auge behalten möchten schaut einfach hier.

Alles in allem kann man dennoch sagen, dass gerade Hashimoto Patienten darauf achten sollten, keinen Selenmangel zu riskieren und auf ihre tägliche Selenzufuhr achten sollten.

 

Referenzen:

[1] https://en.wikipedia.org/wiki/Selenium#Biological_role

[2] Hans Konrad Biesalski, Peter Grimm, Susanne Nowitzki-Grimm: Taschenatlas Ernährung, 6. Auflage, Georg Thieme Verlag, 2015, ISBN: 978-3-13-115356-2

[3] Biesalski H K. Vitamine, Spurenelemente und Mineralstoffe. Prävention und Therapie mit Mikronährstoffen.. Stuttgart: Thieme; 2002

[4] https://ods.od.nih.gov/factsheets/Selenium-HealthProfessional/#en10

[5] Nuttall, K. L., & Allen, F. S. (1984). Selenium detoxification of heavy metals: a possible mechanism for the blood plasma. Inorganica Chimica Acta, 92(3), 187-189. doi:10.1016/s0020-1693(00)87757-9

[6] Maia, A. L., Goemann, I. M., Meyer, E. L., & Wajner, S. M. (2011). Type 1 iodothyronine deiodinase in human physiology and disease: Deiodinases: the balance of thyroid hormone. Journal of Endocrinology, 209(3), 283-297. doi:10.1530/joe-10-0481

[7] (Rousset B, Dupuy C, Miot F, et al. Chapter 2 Thyroid Hormone Synthesis And Secretion. [Updated 2015 Sep 2]. In: De Groot LJ, Chrousos G, Dungan K, et al., editors. Endotext [Internet]. South Dartmouth (MA): MDText.com, Inc.; 2000-. Available from: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK285550/)

[8] [Kipp, A., Strohm, D., Brigelius-Flohé, R., Schomburg, L., Bechthold, A., Leschik-Bonnet, E., & Heseker, H. (2015). Revised reference values for selenium intake. Journal of Trace Elements in Medicine and Biology, 32, 195-199. doi:10.1016/j.jtemb.2015.07.005 ]

[9] Jones, G. D., Droz, B., Greve, P., Gottschalk, P., Poffet, D., Mcgrath, S. P., . . . Winkel, L. H. (2017). Selenium deficiency risk predicted to increase under future climate change. Proceedings of the National Academy of Sciences, 201611576. doi:10.1073/pnas.1611576114

[10] Combs, G. F. (2001). Selenium in global food systems. British Journal of Nutrition, 85(05), 517. doi:10.1079/bjn2000280

[11] https://de.wikipedia.org/wiki/Selenmangel#Aufnahme_und_Bedarf

[12] Thomson, C. D., Chrisholm, A., McLachlan, S. K., & Campbell, J. M. (2008). Brazil nuts: an effective way to improve selenium status. The American Journal of Clinical Nutrition, 87(2), 379-384. Retrieved from http://ajcn.nutrition.org/content/87/2/379.long

[13] Silva, E. D., Guilherme, L., Lopes, G., Souza, G. D., Silva, K. D., Lima, R. D., . . . Reis, A. (2015). Are all Brazil nuts selenium-rich? Global Advances in Selenium Research from Theory to Application, 133-134. doi:10.1201/b19240-68

[14] https://ndb.nal.usda.gov/ndb/foods/show/3641?fgcd=&manu=&lfacet=&format=Full&count=&max=35&offset=&sort=&qlookup=12078=

[15] Fairweather-Tait, S. J., Collings, R., & Hurst, R. (2010). Selenium bioavailability: current knowledge and future research requirements. American Journal of Clinical Nutrition, 91(5). doi:10.3945/ajcn.2010.28674j

[16] effects of supplementation with brazil nut: Stockler-Pinto, M. B., Carrero, J. J., Cardoso Weide, L. D., Cozzolino, S. M., & Mafra, D. (2015). Effect of selenium supplementation via Brazil nut (Bertholletia excelsa, HBK) on thyroid hormones levels in hemodialysis patients: A pilot study. Nutricion hospitalaria: organo oficial de la Sociedad Espanola de Nutricion Parenteral y Enteral , 32(N04), 1808-1812. doi:DOI: 10.3305/nh.2015.32.4.9384

[17] Goetz, D. W., Whisman, B. A., & Goetz, A. D. (2005). Cross-reactivity among edible nuts: double immunodiffusion, crossed immunoelectrophoresis, and human specific IgE serologic surveys. Annals of Allergy, Asthma & Immunology, 95(1), 45-52. doi:10.1016/s1081-1206(10)61187-8

[18] Asero R, Mistrello G, Roncarolo D, Amato S. Walnut-induced anaphylaxis with cross-reactivity to hazelnut and Brazil nut. J Allergy Clin Immunol. 2004;113:358 –360

[19] Stadlmayr B. et al. Composition of Selected Foods from West Africa. (Food and Agriculture Organization, Rome, 2010) http://www.fao.org/3/a-i1755e.pdf

[20] Hurst, R., Siyame, E. W., Young, S. D., Chilimba, A. D., Joy, E. J., Black, C. R., . . . Broadley, M. R. (2013). Soil-type influences human selenium status and underlies widespread selenium deficiency risks in Malawi. Scientific Reports, 3. doi:10.1038/srep01425

[21] Gartner, R. (2002). Selenium Supplementation in Patients with Autoimmune Thyroiditis Decreases Thyroid Peroxidase Antibodies Concentrations. Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism, 87(4), 1687-1691. doi:10.1210/jc.87.4.1687

[22] Mazokopakis, E. E., Papadakis, J. A., Papadomanolaki, M. G., Batistakis, A. G., Giannakopoulos, T. G., Protopapadakis, E. E., & Ganotakis, E. S. (2007). Effects of 12 Months Treatment with l -Selenomethionine on Serum Anti-TPO Levels in Patients with Hashimoto’s Thyroiditis. Thyroid, 17(7), 609-612. doi:10.1089/thy.2007.0040

[23] Mclachlan, S. M., & Rapoport, B. (2014). Breaking Tolerance to Thyroid Antigens: Changing Concepts in Thyroid Autoimmunity. Endocrine Reviews, 35(1), 59-105. doi:10.1210/er.2013-1055

[24] https://clinicaltrials.gov/ct2/show/NCT02644707 (Study ongoing)