kleine Schwächen

Guten Morgen ihr Lieben, wie war euer Wochenende? Ich habe so am Rande mitbekommen, dass viel gepilgert und gewandert wurde. Und auch gefeiert, gebadet und gegrillt – ein richtiges Frühsommer-Wochenende, das schon einen Vorgeschmack auf die langen Ferien bieten konnte.

Bei uns hier gab’s wieder Handwerker-Tage. Wir haben einen neuen Fußboden verlegt und eine Menge Stauraum mit neuen Regalen vom Möbelschweden geschaffen. Ist zwar nur eine Zwischenlösung – aber wir freuen uns wie die Schneekönige, dass wir wieder einmal in aller Ruhe gemeinsam was werkeln konnten. Und dabei gab’s natürlich auch Fehler und Pannen. Das passende Buch dazu wohnt schon sein vielen Jahren bei uns und wird immer wieder gerne in die Hand genommen:

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„Gerne“ ist in diesem Fall eigentlich eine starke Untertreibung. Ich liebe dieses kleine Büchlein tatsächlich: Die Kunst, kleine Schwächen zu haben.

In klugem und äußerst liebenswertem Ton plaudert Veronique Vienne über Fehler und Schwächen in allen möglichen Lebenslagen. Die Fotos von Erica Lennard ergänzen die kleinen Essays in idealer Weise. Hier eine kleine Leseprobe:

“ Stellen Sie sich eine Welt vor, in der die Menschen sich nicht aufregen, wenn sie einen Fehler machen. Eine Welt, in der man es für normal hält, dass etwas, das schief gehen kann, vermutlich auch schief gehen wird.

Es würde herrlich zivilisiert zugehen. Leute würden gegen Tische stoßen, Termine verpassen, sich auf dem Weg zum Flugplatz verfahren, Telefonanrufe vergessen und einen Tag zu früh auf Partys erscheinen, ohne sich maßlos über sich selbst zu ärgern.

Sie und ich wären nicht persönlich gekränkt, wenn uns eine Zuckerschale auf den Boden fällt, wir beim Zurücksetzen mit dem Auto gegen den Blumenkübel stoßen, uns das Essen anbrennt weil wir telefonieren, oder wir unseren Terminplan nicht einhalten.

Das sind schöne Träume. Eine so versöhnliche Welt ist nicht weniger utopisch, als Shangri La. Zwar sind wir uns alle einig, dass Irren menschlich ist, aber jede Einzelne von uns glaubt, sie sei eine Ausnahme. Was für dich gut genug ist, ist noch lange nicht gut genug für mich. Fehler machen? Ich doch nicht!

In Kunst und Architektur ist das, was wie ein Fehler aussieht, oft ein bewusst gesetzter ‚Stolperstein‘, ein Signal, das die Aufmerksamkeit des Betrachters auf einen bestimmten Aspekt des Werkes lenken will.

  • In der islamischen Kunst wimmelt es von kleinen Fehlern in den prächtigsten Teppichen, auf Keramikgefäßen und in Mosaiken. Die Fehler sollen den Betrachter daran erinnern, dass allein Gott vollkommen ist.
  • In der Zen-Tradition gelten die ‚wabi-sabi‘-Gegenständ, die mit Absicht unvollkommen, vergänglich oder unvollständig sind, als besonders schön – ihre bescheidene Eleganz überdauert Trends und Moden.
  • In der Musik erzeugen plötzliche Tonart- oder Taktwechsel emotionale Spannung. Beethoven ersetzte im ‚Trauermarsch‘ seiner fünften Sinfonie Töne durch Pausen, um die Steigerung des Kummers anzudeuten.
  • In der Literatur war James Joyce ein Meister des absichtsvollen Fehlers. Für ihn waren Fehler ‚Pforten der Entdeckung‘. Vor allem in Ulysses tragen Rechtschreibfehler und fehlende Interpunktion zum komplexen Gehalt der Prosa bei.

 

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Veronique Vienne und Erica Lennart,
Die Kunst, kleine Schwächen zu haben
Wie man mit sich selbst Freundschaft schließt
1. Auflage Scherz-Verlag, 2001

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Obwohl ich dieses Buch längst in- und auswendig kenne, bringt es jedes Mal eine heitere und unbeschwerte Stimmung mit sich, wenn ich ein paar Seiten lese – egal, wo ich es gerade aufschlage. Vielleicht ist das gerade deshalb so, weil ich es eben schon so lange kenne. Dinge kaufen macht ja noch nicht die Freude, man muss sie auch benutzen und mit ihnen vertraut werden – aber darüber vielleicht ein andermal.

Ich wünsche dir einen frohen Sommertag, an dem du liebevoll für dich sorgen und gelassen mit Fehlern umgehen kannst. ♥ Elke

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